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    Warum Tissot wächst, während die Schweizer Uhrenbranche schrumpft

    Tobias DauselApril 21, 20260
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    Die Jahresbilanz des Verbands der Schweizerischen Uhrenindustrie Ende Januar 2026 war nicht überraschend, aber unangenehm. 25,6 Milliarden Franken Exportwert für 2025, ein Minus von 1,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In Deutschland fiel der Absatz um 6,8 Prozent, in China um 12,1 Prozent. Vom Rekordjahr 2023 mit 26,7 Milliarden Franken ist die Branche zweieinhalb Jahre später spürbar entfernt.

    Mitten in diesem Abwärtstrend meldete eine Mittelpreismarke aus Le Locle zweistelliges Wachstum. Tissot hat 2024 in den USA erstmals die Umsatzschwelle von 100 Millionen Dollar überschritten. Die Dynamik hielt 2025 an. Das ist bemerkenswert, weil die Marke in einer Preisklasse verkauft, die im Luxusmarkt-Narrativ der vergangenen Jahre eher am Rand stand.

    Das Mittelpreissegment als überraschend robuster Sektor

    Der Einbruch traf die Schweizer Uhrenindustrie nicht gleichmäßig. Am härtesten trifft es die Kategorie oberhalb von 3.000 Franken Exportwert, also praktisch alles, was ein Endkunde oberhalb von rund 7.500 Franken im Geschäft bezahlt. Dieses Segment machte historisch drei Viertel des Schweizer Exportwerts aus. Genau dort hat der Rückgang in China und Hongkong am stärksten zugeschlagen.

    Tissot spielt in einer anderen Liga. Die Kollektion beginnt unter 400 Euro, selbst der Einstieg in die mechanische Welt liegt unter 800. Die Swatch Group meldete für 2025 einen Konzernumsatz von 6,28 Milliarden Franken und einen Gewinneinbruch um 90 Prozent auf nur 25 Millionen Franken. Tissot, Hamilton und Longines zählten in dieser Bilanz zu den wenigen Marken, die überhaupt noch Vorwärtsgang meldeten.

    Im Januar 2026 unterschrieben die in Berlin geborenen NBA-Profis Moritz und Franz Wagner bei der Marke. Beide spielen für die Orlando Magic, ihre Spiele laufen in den USA zur Prime Time. Dass Tissot ausgerechnet auf Basketball setzt und nicht auf das Swiss-Made-übliche Tennis oder die Formel 1, passt zum US-Geschäft, das die Marke in den vergangenen zwei Jahren nach oben gezogen hat.

    Wer 800 Euro für eine Uhr ausgibt, entscheidet aus anderen Motiven als jemand, der 8.000 ausgibt. Statussignal und Spekulation fallen im Mittelsegment weniger ins Gewicht. Was zählt, ist die Uhr als Gebrauchsgegenstand mit Schweizer Herkunftsbezeichnung.

    Wie der Zweitmarkt die Preise international einordnet

    Seit die PRX zum Bestseller wurde, existiert für Tissot-Modelle ein aktiver internationaler Gebrauchtmarkt. Sammler, die früher bei gängigen Referenzen höchstens einen lokalen Händler konsultierten, suchen heute routinemäßig online. Auf dem größten internationalen Online-Marktplatz für Uhren lassen sich Tissot Uhren auf Chrono24 finden, die teils unter, teils über dem Boutiquepreis gehandelt werden. Beim PRX Chronographen mit blauem Zifferblatt tauchen zeitweise Angebote um 1.700 Euro auf, obwohl der Listenpreis bei 1.495 Euro liegt. Nicht jedes überhöhte Angebot bedeutet Spekulation. Meistens sind es schlicht Lieferengpässe bei limitierten Referenzen.

    Der eigentliche Nutzen liegt im Preisvergleich. Eine Quarz-PRX kostet bei Tissot in Deutschland 395 Euro, in den USA häufig 450 Dollar, auf dem Zweitmarkt je nach Zustand deutlich darunter. Die Plattform prüft Händler und wickelt die Zahlung über ein Treuhandsystem ab. Ohne beides würden die meisten Käufer nicht über Ländergrenzen hinweg bestellen. Für Sammler der ersten PRX-Generation aus 2021 und 2022 ohne Datumsfenster ist das heute das zentrale Recherchewerkzeug.

    Wie die PRX das Portfolio verändert hat

    Die PRX, ursprünglich 1978 gebaut, war lange verschwunden. 2021 holte Tissot sie zurück, zunächst fast unbemerkt, dann mit wachsender Aufmerksamkeit. Das Stahlgehäuse mit integriertem Armband bediente einen Bedarf, den die Szene jahrelang nicht hatte benennen können. Sportlich-elegantes Design im Stil der Royal Oak oder der Nautilus, aber für einen Bruchteil des Preises und ohne Wartezeit beim Händler.

    Seit der Neuauflage trägt die Linie den größten Teil der Tissot Herrenuhren, und die Marke hat nachgelegt. Im November 2025 erschienen zwei Titanversionen und, zum ersten Mal überhaupt in der Markengeschichte, eine PRX aus Damaszenerstahl, alle im 38-Millimeter-Gehäuse. Im Januar 2026 kam eine 25-Millimeter-Linie mit fünf Varianten dazu, gedacht für kleinere Handgelenke. Die klassischen Baureihen laufen daneben weiter. Die Gentleman wurde im März 2026 in einer 38-Millimeter-Fassung neu aufgelegt, die Visodate neu interpretiert. Anfang April folgte eine Special Edition mit dem italienischen Rennradhersteller Pinarello.

    Inzwischen haben andere Hersteller verstanden, was sie verpasst hatten. Mido hat die Multifort nachgeschärft, Longines die Conquest überarbeitet, auch außerhalb der Swatch Group tauchen integrierte Stahlbänder überall auf. Der Preisvorteil der PRX ist allerdings schwer einzuholen.

    Was das Powermatic 80 in dieser Preisklasse bietet

    In den meisten mechanischen Tissot-Modellen arbeitet das Powermatic 80, ein Automatikwerk auf Basis des ETA C07.111, selbst wiederum eine Weiterentwicklung des soliden 2824. Das Kaliber läuft seit 2013 in Serie. Die Frequenz liegt bei 21.600 Halbschwingungen pro Stunde, die Gangreserve bei 80 Stunden. Branchenüblich sind 38 bis 42 Stunden. Die Nivachron-Spirale macht das Werk weitgehend magnetresistent.

    Damit bekommt man in dieser Preisklasse ein Paket, das vor zehn Jahren noch unmöglich schien. Wer heute eine Tissot kaufen möchte und unter tausend Euro bleibt, erhält Saphirglas, geprüfte Wasserdichtigkeit, ein Schnellwechselsystem am Armband und ein Automatikwerk, das drei Tage ohne Tragen weiterläuft. Vergleichbare Werte liefern Marken wie Longines, Frederique Constant oder Oris erst deutlich oberhalb dieser Schwelle.

    Das Powermatic 80 ist allerdings keine Manufakturarbeit. Es wird industriell gefertigt, die Feinregulierung ist pragmatisch, nicht perfektionistisch. Wer Chronometerzertifikate oder die aufwendige Werksveredelung sucht, wie sie bei Rolex oder Glashütte Original üblich sind, ist hier falsch. Japanische Hersteller wie Seiko und Citizen bieten mechanisch teils noch günstiger an, allerdings ohne den Schweizer Schriftzug auf dem Zifferblatt. Ob dieser Schriftzug den Aufpreis rechtfertigt, entscheidet jeder Käufer am Ende für sich. In den Verkaufszahlen der letzten Jahre fällt Tissot auf die richtige Seite der Frage.

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